{"id":321,"date":"2019-07-25T09:40:31","date_gmt":"2019-07-25T09:40:31","guid":{"rendered":"http:\/\/tschernobyl-hilfe-bocholt.com\/?p=321"},"modified":"2019-07-31T09:41:51","modified_gmt":"2019-07-31T09:41:51","slug":"eine-geschichtsstunde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/tschernobyl-hilfe-bocholt.com\/?p=321","title":{"rendered":"Eine Geschichtsstunde"},"content":{"rendered":"<p><figure id=\"attachment_320\" aria-describedby=\"caption-attachment-320\" style=\"width: 450px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/tschernobyl-hilfe-bocholt.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/seelen-450x600.jpg\" alt=\"\" width=\"450\" height=\"600\" class=\"size-medium wp-image-320\" srcset=\"http:\/\/tschernobyl-hilfe-bocholt.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/seelen-450x600.jpg 450w, http:\/\/tschernobyl-hilfe-bocholt.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/seelen-768x1024.jpg 768w, http:\/\/tschernobyl-hilfe-bocholt.com\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/seelen.jpg 1000w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-320\" class=\"wp-caption-text\">Gedenktafel &#8222;den get\u00f6teten Seelen&#8220; in Mogilev; Foto: T. Linde<\/figcaption><\/figure>Diese Tafel an einer Gedenkst\u00e4tte hat die Teilnehmer der letzten Fahrt lange lesen und nachdenken lassen. Damit erhalten die Transporte noch eine weitere, historische Dimension.<\/p>\n<p>Hier der vollst\u00e4ndige Text:<\/p>\n<p>\u201eDen get\u00f6teten Seelen, Patienten des Republikanischen Psychiatrischen Krankenhauses in Mogilew, zum Gedenken, sie wurden in den Jahren 1941 und 1942 von den deutschen Besatzern durch Gas und Gewehrkugeln ermordet\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas nebenstehende Mahnmal erinnert an etwa 1200 Menschen, M\u00e4nner, Frauen und Kinder \u2013 die genaue Zahl ist bis heute nicht bekannt, die zwischen Herbst 1941 und Januar 1942 Opfer der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik im besetzten Wei\u00dfrussland geworden sind.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nEs waren psychisch kranke Menschen, sie befanden sich in Obhut und Behandlung des Republikanischen Psychiatrischen Krankenhauses, sie waren krank, hilfsbed\u00fcrftig und wehrlos. Der j\u00fcdische Chefarzt des Krankenhauses Meer Moisejewitsch Klipzan hatte sich bei der Besetzung der Stadt durch deutsche Truppen im Juli 1941 vor seine Patientinnen und Patienten gestellt und war nicht geflohen, jedoch wurde er bald verhaftet\u00a0 und sp\u00e4ter ebenfalls ermordet. Das Krankenhaus wurde \u2013 wie viele psychiatrische in den besetzten Gebieten der Sowjetunion \u2013 von der Lebensmittelversorgung abgeschnitten, viele Menschen mussten verhungern. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Die psychisch kranken Menschen \u2013 als \u201eunheilbar Geisteskranke\u201c angesehen, galten den deutschen Besatzern als \u201elebensunwertes Leben\u201c. Ihre Vernichtung wurde in Deutschland als Erl\u00f6sung, als \u201eGnadentod\u201c, als \u201eEuthanasie\u201c bezeichnet. Erl\u00f6st werden sollten die Kranken von ihrem Leiden, ebenso wie die Gesellschaft von der Verpflichtung, sie zu pflegen und f\u00fcr ihr Wohl zu sorgen. Schon 1920 hatten ein deutscher Jurist und ein deutschen Psychiater f\u00fcr die \u201eFreigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens\u201c pl\u00e4diert und damit die \u201egeistig Toten\u201c und die \u201eBallastexistenzen\u201c in den Heil- und Pflegeanstalten gemeint. Nachdem der \u201eGnadentod\u201c mittels Giftgas f\u00fcr die psychisch kranken Menschen in den Heil- und Pflegeanstalten des Deutschen Reiches bereits seit dem Beginn des 2. Weltkrieges am 1. September 1939 praktiziert worden war, drohte auch den Menschen in den psychiatrischen Krankenh\u00e4usern der besetzen Gebiete Unheil. Wie schon im besetzten Polen wurden die psychisch Kranken auch auf dem Gebiet der Sowjetunion Opfer der Einsatzgruppen und Einsatzkommandos des SD und der Sicherheitspolizei. Die Einsatzgruppen waren verantwortlich f\u00fcr die Mordaktionen gegen die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung, gegen kommunistische Funktion\u00e4re, Partisanen, Sinti und Roma, so genannte \u201eAsoziale\u201c und eben auch gegen Menschen in den Psychiatrischen Krankenh\u00e4usern. Hinzu kam das Interesse der Wehrmachtdienststellen, die ohnehin als \u201elebensunwert\u201c angesehenen Menschen nicht etwa auch noch ern\u00e4hren zu m\u00fcssen und die Krankenhausbauten und das Pflegepersonal f\u00fcr die eigenen verwundeten Soldaten zu nutzen. Der Reichsf\u00fchrer SS Heinrich Himmler pers\u00f6nlich beauftragte den Leiter der in Wei\u00dfrussland operierenden Einsatzgruppe B, Arthur Nebe, nach scheinbar humanen T\u00f6tungsmethoden f\u00fcr die \u201eGeisteskranken\u201c zu suchen: So wurden im September 1941 in Minsk Sprengungen und in Mogilev die Technik der Vergasung erprobt.<\/p>\n<p>Das Mahnmal bezeichnet vor dem authentischen Geb\u00e4ude der tragischen Ereignisse den Ort der Gaskammer, in welche Abgase aus Automotoren eingeleitet worden sind. Etwa 650 \u2013 850 Patienten und Patientinnen des Psychiatrischen Krankenhauses und der dazugeh\u00f6rigen landwirtschaftlichen Kolonie sind an einem Herbsttag Ende September\/Anfang Oktober 1941 durch Angeh\u00f6rige des Einsatzkommandos 8, das in Mogilev stationiert war, vergast worden. Die Leichen mussten von Bewohnern des j\u00fcdischen Gettos beseitigt werden. Sie wurden in Nowo Paschkowo oder in Polykowitschi in Panzergr\u00e4ben verscharrt. Der von den Deutschen eingesetzte Chefarzt des Krankenhauses, Alexander N. Stepanow, hatte einige Zeit vor der Aktion mit den arbeitsunf\u00e4higen chronisch Kranken, den arbeitsf\u00e4higen chronisch Kranken und Frischerkrankten erstellen m\u00fcssen uns sah keine Chance, seine Patienten und Patientinnen zu retten. Nach der Vergasung verk\u00fcndete der Dolmetscher der Einsatzgruppe 8, Adolf Prieb, dass \u201eman solche Vernichtung auch in Deutschland praktiziere, da die vernichteten Kranken niemandem von Nutzen sind, weder sich selbst, noch anderen, und diese Kategorie Menschen nur zu vernichten ist.\u201c Den verbliebenen Patientinnen und Patienten blieb jedoch, soweit sie nicht durch Entlassung gerettet werden konnten, nur eine kurze Frist des \u00dcberlebens. Sie wurden sp\u00e4testens im Januar 1942 durch das Einsatzkommando 8 erschossen oder mit Handgranaten vernichtet. Ihre Gr\u00e4ber liegen in Paschkowo. Das Krankenhaus wurde nunmehr als Wehrmachtlazarett genutzt. Nur wenige Namen der Opfer sind bisher bekannt, ein Name f\u00fcr die Namenlosen sei genannt: Korsa Foeder Wassiljewitsch, geb. 1898, aus der Stadt Bychow, im Mogiljower Gebiet geb\u00fcrtig. M\u00f6ge dieser Stein den get\u00f6teten Seelen ein Ort des Gedenkens und ein Ort der Mahnung sein. \u201eWer seine Vergangenheit vergisst, ist zur Wiederholung verdammt.\u201c Das Mahnmal geht auf eine deutsch-belorussische B\u00fcrgerinitiative zur\u00fcck und beruht auf der Partnerschaft zwischen dem Psychiatrischen Gebietskrankenhaus Mogilew und der Psychiatrischen Universit\u00e4tsklinik in Heidelberg, gef\u00f6rdert durch den Arbeitskreis in Rheinstetten. Es wurde errichtet mit Unterst\u00fctzung des Gebietsexekutivkomitees in Mogilev und unter Mitwirkung der Leitung und der Mitarbeiter\/innen des Psychiatrischen Gebietskrankenhauses Mogilev. Es wurde erm\u00f6glicht durch viele private Spenden und finanzielle Zuwendungen von der Deutschen Bundes\u00e4rztekammer, der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde sowie der Deutsch-Belorussischen Gesellschaft. Das Mahnmal wurde gestaltet von Alexandr Minjkow aus Mogilev und am 2. Juli 2009 von den Stellvertretenden Vorsitzenden des Gebietsexekutivkomitees, V. Malaschko, und dem Konsul der Bundesrepublik Deutschland, Peter Eck, feierlich enth\u00fcllt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diese Tafel an einer Gedenkst\u00e4tte hat die Teilnehmer der letzten Fahrt lange lesen und nachdenken lassen. Damit erhalten die Transporte noch eine weitere, historische Dimension. 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